ServiceNow entdeckt automatisierte Prozesse für sich

Bill McDermott ist Insidern sicherlich aus seiner Zeit bei der SAP bekannt (2002 bis 2019). Nach seinem Ausscheiden im Jahre 2019 heuerte er bei der amerikanischen Firma ServiceNow als CEO an. Mit Interesse las ich nun eine Ankündigung McDermotts zu vier neuen Apps zur Corona-Krisenbewältigung. In dem Artikel wird ServiceNow als „Anbieter von digitalen Workflows“ angepriesen. Zudem findet sich darin ein spannendes Zitat von Jennifer McNamara. Sie ist Chief Information Officer des Gesundheitsministeriums von Washington State:

Auf Grundlage der Now Platform konnten wir Prozesse digitalisieren, mit denen wir unsere Teams für das Incident Management schnell zusammenstellen und vor Ort bringen können. Anstelle manueller, arbeitsintensiver und störanfälliger Abläufe verfügen wir nun über einen automatisierten Prozess, mit dem wir die Ressourcenzuweisung jederzeit überblicken können. Durch die bessere Nachverfolgbarkeit haben wir zudem bessere Chancen, unsere Kosten bei den Bundesbehörden für eine Erstattung geltend zu machen. Wir wollen nun weitere Incident-Management-Funktionen automatisieren, wie z. B. die Demobilisierung von Ressourcen, die Planung, die Logistik und den Finanzbereich.

Jennifer McNamara, Chief Information Officer des Gesundheitsministeriums von Washington State

Hut ab – da hat offensichtlich jemand den Nutzen vollautomatisierter Prozesse verstanden. Ähnliche Vorteile führe ich ja auch immer wieder bei dem Einsatz des „Prozessgesteuerten Ansatzes“ auf, insbesondere die Reaktionsschnelligkeit sowie die gesteigerte Transparenz. Nun sind Ankündigungen dieser Art über neue Lösungen wahrlich nichts Neues. Wir werden nahezu täglich mit Produktankündigungen überflutet. Doch warum interessiert mich gerade diese Veröffentlichung? Es sind zwei Punkte, die mich neugierig haben werden lassen:

  1. ServiceNow ist primär als Cloud-Plattformhersteller bekannt, weniger als Lieferant von fachlichen (Standard-)Lösungen. Auf der englischen Wikipedia-Seite zu ServiceNow heißt es:

    „ServiceNow (Service-now in 2011) is a Santa Clara, California-based software company that develops a cloud computing platform to help companies manage digital workflows for enterprise operations.“

    Es handelt sich dabei also nicht um irgendeine generische Cloud-Plattform, die ServiceNow positioniert, sondern ganz explizit um eine Plattform zur Umsetzung digitaler Workflows. Schaut man sich zudem an, wie diese Workflows konkret zu erstellen sind, stößt man auf den sogenannten Flow Designer. Dieser wird vollmundig wie folgt angekündigt:

    „Enable anyone—from IT generalists to process analysts—to easily create end‑to‑end digital workflows that automate any business process—from simple productivity to complex transformation—in a no‑code, natural language environment.“

    Es handelt sich dabei um ein visuelles Werkzeug zur Erstellung von Abläufen basierend auf vorgefertigten Komponenten, die „nur noch“ in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht werden müssen – um es vereinfacht zu beschreiben. Zwar wird keine BPMN verwendet, die Parallelen zum „Prozessgesteuerten Ansatz“ sind jedoch offensichtlich.
  2. Bill McDermott! Ja, Sie lesen richtig – Bill McDermott ist mein zweiter Grund, weshalb ich hellhörig geworden bin. Denn Bill McDermott ist ein brillanter Verkäufer – seine Fähigkeiten waren auch innerhalb der SAP seinerzeit nahezu schon legendär. Wenn also ein Bill McDermott auf einmal vollautomatisierte Prozesse basierend auf einer cloudbasierten Plattform mit visueller Ablaufgestaltung derart pusht, dann muss man genauer hinsehen. Es wird ja auch unverholen mit der Einfachheit der Prozessgestaltung geworben:

    „IT can empower business users to automate processes by capturing IT developer expertise into codeless flow components discoverable and reusable by process analysts.“

    Fachabteilungen können also aufgrund der Komponenten bald ihre eigenen Workflows erstellen und das ohne Programmierung – wie bei einem Lego-Baukasten. Auch hier schimmert der „Prozessgesteuerte Ansatz“ durch (siehe hierzu meinen Beitrag zur Motivation des prozessgesteuerten Ansatzes).

Es sind also weniger die Details der angekündigten Apps, die mich interessierten, sondern die Art und Weise, wie die Lösungen erstellt werden. Die explizite Positionierung der Plattform zur Entwicklung visueller Abläufe und der Ablauf in einer Art Process Engine ist da schon bemerkenswert. Auch hier erfindet ServiceNow das Rad nicht neu. Bei Amazon und Netflix finden sich in AWS Step Functions und Netflix Conductor ähnliche Lösungen. Allerdings stellen diese beiden Hersteller ihre Lösungen nicht derart massiv in den Mittelpunkt, wie dies ServiceNow tut. Bei Amazon und Netflix handelt es sich um eine Lösungskomponente unter vielen. Bei ServiceNow ist der Entwicklungsansatz und ihre Process Engine der Schlüssel zum Erfolg.

Mein Fazit: Amerika erkennt zusehends den großen Nutzen von Prozessen zur Umsetzung von Digitalisierungsstrategien. Mit ServiceNow und Bill McDermott an deren Spitze bekennt sich ein Unternehmen ganz explizit öffentlich zu einer Strategie der ausführbaren Prozesse. Noch überzeugen mich bei allen drei oben genannten Lösungen (ServiceNow, Amazon, Netflix) weder die proprietären Notationen zur Darstellung der Abläufe noch die Architektur, die noch immer Aufrufe an IT-Systeme direkt in den fachlichen Prozess integriert, mit allen negativen Begleiterscheinungen, auf die ich in meinen Publikationen nun schon mehrfach eingegangen bin. Aber: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch hier ein Umdenken stattfinden wird.
Nichtsdestotrotz wird diese Art der Lösungsentwicklung durch McDermott gehörigen Rückenwind bekommen!

Noch haben wir meiner Meinung nach mit dem „Prozessgesteuerten Ansatz“ einen deutlichen Vorteil. Wir sollten ihn nutzen!

2 Antworten auf „ServiceNow entdeckt automatisierte Prozesse für sich“

  1. Wie kommt das bloß, dass Bill McDermott BPMN nicht sieht. Auch er braucht doch eine Workflow-Spezifikationssprache und BPMN ist ein dicker Klotz in dieser Welt. Er kann BPMN ja ablehnen, aber er muss es diskutieren und mir gegenüber begründen, warum er es ablehnt. Ich befürchte : Das ist mal wieder so ein „How I did it aprroach“

    1. Das ist eine gute Frage! Vielleicht schreckt bei BPMN die umfangreiche Palette tatsächlich ab. Unternehmen glauben, sie könnten mit einem Bruchteil der Elemente auskommen und mit einer leichtgewichtigeren Notation ihr Ziel schneller erreichen. Das stimmt für erste einfache Szenarien ja auch. Nur der Appetit kommt bekanntlich beim Essen, die Szenarien werden größer und anspruchsvoller. Ehe man sich versieht, ist man bei all den Anforderungen, die BPMN schon seit geraumer Zeit so elegant gelöst hat. Dies habe ich auch in anderen Firmen bereits beobachtet, die geglaubt haben, sie könnten mal so eben ein paar Workflow-Aspekte in ihre eigenen Frameworks einbauen. Irgendwann wächst Ihnen die Pflege über den Kopf und sie müssen erkennen, dass die Entwicklung einer Process Engine kein Kinderspiel ist.
      Ich bleibe dabei: Process Engines sind eine so wertvolle Infrastrukturkomponente wie einst Datenbanken! BPMN und BPMN-basierte Process Engines sind entscheidende Treiber der Digitalisierung.

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