Der „Prozessgesteuerte Ansatz“ in jedem Unternehmen?

Nach Veröffentlichung meines Gastbeitrags auf der Webseite des Ökonomen Dr. Daniel Stelter zum Thema „Produktivitätssteigerung durch Prozessdigitalisierung“ erhielt ich folgende Leserfrage:

Lieber Herr Professor Stiehl, vielleicht mögen Sie erklären, wie die Unternehmen im Kampf um Kunden, Märkte und Rendite Vorteile erzielen (können), wenn es, wie Ihrerseits gewünscht, alle Unternehmen parallel umsetzen?

Ähnliche Anfragen bekomme ich auch hinsichtlich meiner Vision, in der ja der Wunsch zum Ausdruck gebracht wird, zukünftig sämtliche Prozessanwendungen nach dem „Prozessgesteuerten Ansatz“ zu erstellen. Von daher ist die Frage natürlich berechtigt! Meine Antwort darauf war wie folgt (die im Text verwendete Abkürzung „PDA“ steht dabei für „Process-Driven Approach“, also die englische Bezeichnung für „Prozessgesteuerter Ansatz“):

Zunächst müssen wir verstehen, dass PDA wie ein neues Werkzeug zu sehen ist. Um also Vorteile erzielen zu können, kommt es primär auf die Idee an, was Sie konkret mit dem Werkzeug umsetzen wollen. PDA ist ja nicht die Lösung selbst. PDA hilft der Unternehmung lediglich dabei, diese Ideen dann effizienter umzusetzen. Und auf eine effizientere Lösung (nämlich PDA) zu verzichten, nur weil die Gefahr besteht, dass andere es auch nutzen, ergibt doch keinen Sinn. Ein Unternehmen kann es sich einfach nicht leisten, ineffizienter zu arbeiten als die Konkurrenz. Und wenn das am Ende des Tages bedeutet, dass alle PDA einsetzen, was ist so schlimm daran? Wichtig ist aus meiner Sicht lediglich, dass wir die Ersten sein sollten!
Denn natürlich profitieren Unternehmen am meisten, wenn sie jetzt auf PDA setzen, denn dann profitieren sei vom FMA (First Mover Advantage). Da gerade der deutschsprachige Raum aufgrund seiner Historie (ich erinnere hier an die herausragende Leistung von Prof. Scheer) prozessafiner als die restliche Welt ist, könnte die hiesige Wirtschaft als First Mover den Vorsprung anderer Länder bei der Produktivität verringern. Gebrauchen könnten wir es.
Der First Mover hat einen weiteren wichtigen Vorteil: Er sammelt Erfahrung beim Umgang mit diesem neuen Werkzeug und kann seinen Vorsprung stetig ausbauen. Deshalb ist es mir im Hinblick auf unsere Wirtschaft auch so wichtig, dass wir JETZT beginnen – jetzt ist die Zeit reif. Schließlich stehen wir in einem scharfen internationalen Wettbewerb.

Bedenken Sie auch einmal den Vorteil einer einzelnen Unternehmung, wenn sie morgen auf PDA umsteigen würde: Woher sollte die Konkurrenz überhaupt mitbekommen, wie die Prozesse, die ja im Hintergrund arbeiten, konkret umgesetzt wurden? Nach Außen werden Sie eine Anwendung, die mit PDA erstellt wurde, von einer herkömmlich programmierten Lösung nicht unterscheiden können. Dies ist ein weiterer wichtiger positiver Nebeneffekt! Unternehmen werben mit ihren Produkten und Dienstleistungen – Neuerungen in den Angeboten sind für die Konkurrenz leicht zu erkennen und ggf. zu kopieren. Ich erinnere an dieser Stelle immer gerne an Steve Jobs‘ grandiose Präsentation des iPhones aus dem Jahre 2007 (unbedingt ansehen – Gänsehautgarantie). Er glaubte an einen Vorsprung von 5 Jahren gegenüber der Konkurrenz. Wie schnell dieser technologische Vorsprung zusammenschmolz, wissen wir alle nur zu gut. Sie haben aber bestimmt noch kein Unternehmen gesehen, das mit tollen Prozessen wirbt. Mit anderen Worten: Ein differenzierender Vorteil, den eine Unternehmung in seiner Prozesswelt erarbeitet, ist nachhaltiger als ein differenzierender Aspekt in seinen Produkten und Dienstleistungen, eben weil er von der Konkurrenz extrem schwer zu erkennen und zu kopieren ist! Diesen Trumpf sollten Unternehmen ausspielen!

Soweit also meine damalige Antwort. Ich möchte sie noch wie folgt ergänzen:

  1. Ich bin bei meiner Antwort weniger auf den Aspekt der „parallelen Umsetzung“ eingegangen, da dies schlicht utopisch ist. Der Aspekt ist von daher unrealistisch, da die Voraussetzungen für den Einsatz des prozessgesteuerten Ansatzes in den Unternehmen nicht gegeben bzw. in unterschiedlicher Qualität vorhanden sind. Sie lassen sich schon gar nicht parallel erreichen. Diesbezüglich muss man einfach realistisch sein. Ich konzentriere mich in meiner obigen Antwort daher primär auf die Frage, was wäre, wenn irgendwann in ferner Zukunft alle Unternehmen PDA einsetzen würden.
  2. Ich vergleiche den Einsatz von PDA gerne mit technologischen Weiterentwicklungen in anderen Bereichen. Durch die Dampfmaschine konnten viele manuelle Schritte automatisiert und letztendlich die Produktivität deutlich gesteigert werden. Niemand käme heute mehr auf den Gedanken, in der Massenproduktion auf Maschinen zu verzichten. Jedes Unternehmen setzt auf Maschinen.
    Das Auto ersetzt die Pferdekutschen. Niemand käme heute auf den Gedanken, auf LKWs zu verzichten und in der Logistik wieder auf Pferdekutschen zu setzen. Alle Unternehmen setzen LKWs für den Transport ein.
    In diesem Sinne ist der „Prozessgesteuerte Ansatz“ eine technologische Weiterentwicklung bei der Implementierung von Prozessen. Natürlich verbinde ich damit die Hoffnung, dass durch dessen Einsatz die Effizienz- und Produktivitätssteigerungen so signifikant sind, dass irgendwann niemand mehr auf den Gedanken kommt, Prozesse noch zu programmieren 🙂
    Aber das muss die Zeit zeigen.
  3. Den Punkt „Sammeln von Erfahrungen mit dem ‚Prozessgesteuerten Ansatz'“ möchte ich nochmals betonen, weil er mir tatsächlich sehr am Herzen liegt. Als Beispiel möchte ich Tesla heranziehen. Tesla kann durch ihre real im Straßenverkehr eingesetzten Autos so viele Erfahrungen in den Bereichen „Elektromobilität“ und „Autonomes Fahren“ sammeln, dass es der hiesigen Automobilindustrie sehr schwer fallen wird, diesen Vorsprung jemals wieder aufzuholen. Jeder gefahrene Kilometer in realen Verkehrssituationen steigert Teslas Erfahrungsschatz! Genau einen solchen Vorsprung sollten wir uns im Bereich der Prozessautomatisierung erarbeiten. Er kann unsere Unternehmen im internationalen Wettbewerb stärken!

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